Woche 21 / 2017

Nach 50 Jahren wird die Gemeinschaft aufgelöst


Es ist im Gespräch mit Schwester Erika unschwer festzustellen: Die Frau stammt nicht von hier. In schönstem Bayrisch beantwortet sie die Fragen. Die 79-Jährige ist die letzte Oberin der Missions-Benediktinerinnen, welche die Gemeinde Ettiswil während der letzten fünf Jahrzehnte mitgeprägt haben. Am Sonntag, 21. Mai, werden die Schwestern bei einem Gottesdienst mit Bischofsvikar Ruedi Heim ab 10.15 Uhr in der Pfarrkirche verabschiedet und ihre Verdienste gewürdigt. Nach 50 Jahren in Ettiswil brechen die beiden verbliebenen Schwestern ihre Zelte im Luzernischen ab und kehren zurück ins Mutterhaus in Bayern. «Ich freue mich auf die Rückkehr. Denn ein Klosterleben zu zweit...» Schwester Erika beendet den Satz nicht, zuckt mit den Schultern und fährt dann fort: «Wir sind eine Gemeinschaft, und wir sind gewohnt, miteinander zu beten und zu singen. Und wie macht man das zu zweit? Es ist nicht das Gleiche. Wir sind darauf ausgelegt, in einer Gemeinschaft zu leben.»


Erika Glötzl, wie die sowohl geistig als auch körperlich noch sehr rüstige und lebhafte Frau eigentlich heisst, trat im Alter von 20 Jahren dem Orden der Missions-Benediktinerinnen bei. Ab 1963 unterrichtete sie bis zum Erreichen des Pensionsalters jahrzehntelang an der ordenseigenen Realschule in Tutzing. Seit dem Jahr 2000 wirkt sie als Oberin in verschiedenen Gemeinschaften – in Ettiswil bereits von 2009 bis 2012, ehe sie für drei Jahre ins Mutterhaus nach Tutzing zurückkehrte. 2015 dann wurde Schwester Erika, die viel und gerne lacht, wiederum ins Luzernische berufen. Sechs Schwestern lebten damals noch hier. Sie sei bereits «im Bewusstsein hierhergekommen, die Gemeinschaft von Ettiswil auflösen zu müssen».

Inzwischen sind zwei der sechs Schwestern verstorben, zwei aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland in ein Heim für zurückkehrende Missionarinnen umgezogen. So besorgen nun eine 79-Jährige und eine 74-Jährige den Unterhalt des dreistöckigen Gebäudes mit vielen kleinen Zimmern. Das «Missionshaus St. Gertrud» ist ein Anbau des Alters- und Pflegeheims Sonnbühl, das die Schwestern 1970 eröffnet hatten. Drei Jahre zuvor hatten sie bereits einen Kindergarten ins Leben gerufen. Lange Jahre machte sich eine andere Schwester in der ambulanten Krankenpflege in Ettiswil verdient, eine andere wirkte als Handarbeitslehrerin.

Der Betrieb des «Sonnbühls» wird seit 2001 von einer Stiftung sichergestellt. Bis vor kurzem haben die wenigen verbliebenen Schwestern jedoch noch immer das eine oder andere «Ämtli» ausgeführt. 2009 übernahm die Stiftung das gesamte Anwesen von den Missionsschwestern. Seither leben die Benediktinerinnen als Mieterinnen im Klostergebäude.

Mit dem Wegzug der beiden letzten Schwestern aus Ettiswil verschwinden die Missions-Benediktinerinnen, von denen es weltweit rund 1300 gibt, gänzlich aus der Schweiz. Im Dorf und im Altersund Pflegeheim, berichtet Schwester Erika, werde ihr Weggang sehr bedauert. «Wir haben halt irgendwie dazu gehört – auch wenn früher die Verbindung mit der Dorfbevölkerung noch enger war als heute.»

Für Schwester Erika wird mit dem Abschied aus Ettiswil auch die Zeit als Oberin zu Ende gehen. «Das reicht jetzt. Ich bin seit 17 Jahren in diesem Geschäft», sagt sie und lacht. Künftig wird sie in Bernried unweit von Tutzing zuhause sein – zusammen mit 17 Mitschwestern wieder wie gewünscht in einer richtigen Gemeinschaft. Im Juni, wenn sie hier alles Administrative erledigt habe, kehre sie nach Oberbayern zurück. Sie bekräftigt noch einmal: «So kanns hier nicht weitergehen. Und dann sehe ich ja auch, dass das Altersheim in guten Händen ist. Es ist so, dass wir ruhigen Gewissens weggehen können.»

ACHIM GÜNTER