Woche 42 / 2018

Perfekte Orientierung trotz grosser Distanzen


Ob als Plage oder Segen, Tauben faszinieren die Menschheit seit je her. In vielen Kulturen sind sie ein Symbol für Frieden, Freiheit und Göttlichkeit. Die Brieftaube, welche wie die gewöhnliche Stadttaube von der Felsentaube abstammt, wurde seit der Antike von Post, Polizei und dem Militär als Nachrichtenübermittlerin eingesetzt. Eine grosse Rolle spielten Tauben während der zwei Weltkriege. Vielen Soldaten konnte bei Notfällen durch die schnelle Überbringung von Nachrichten das Leben gerettet werden. Denn aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeit, über grosse Distanzen den eigenen Taubenschlag wieder zu finden, galten sie als sicheres Übermittlungsmedium. Auch das Schweizer Militär machte sich die Vorteile der tierischen Boten zu Nutzen. Bis 1994 verfügte die Armee über mehrere tausend Tauben, die mit Hilfe von Fuss- oder Brusthülsen Dokumente austragen konnten. Doch heute, im Zeitalter von E-Mails und Whats- App, sind Brieftauben überflüssig geworden.


«Mich fasziniert, wie sich die Tiere trotz grosser Distanzen perfekt orientieren können», erzählt Konrad Flühmann, ein passionierter Taubenzüchter aus Hintermoos. Den Rentner beeindruckt diese Vogelart, seit er ein Junge war. Vor allem der Brieftaubensport hat es ihm angetan. Denn obwohl die Brieftauben heutzutage nicht mehr Nachrichten übermitteln, nehmen sie an den vielen Wettfliegen teil, die in der Schweiz oder im Ausland stattfinden. An einem Wettbewerb starten die Tauben an einem gemeinsamen Punkt und fliegen dann nach Hause zu ihrem jeweiligen Taubenschlag. Um die Gewinnerin zu bestimmen, misst man die Durchschnittsgeschwindigkeit der Taube, da sich nicht alle Taubenschläge gleich weit weg vom Startpunkt befinden. Wie sich die Tauben genau orientieren, ist noch nicht ganz entschlüsselt. Bereits bekannt ist, dass die Tiere den Weg mit Hilfe des Erdmagnetfeldes und dem Sonnenstand finden können. Doch Forscher versuchen nun die genauen Faktoren der Orientierung zu entschlüsseln. «Leider musste ich mit dem Taubensport aufhören, da ich pro Flug zu viele Verluste hatte », erzählt Flühmann. Dass Tauben auf dem Speiseplan von vielen Raubvögeln stehen, erschwert den Brieftaubensport. Vor allem der Sperber, der Habicht oder der Wanderfalke haben es auf Tauben abgesehen.

«Ein sehr intensives Hobby»
Wettflüge sind jedoch nicht die einzigen Einsatzmöglichkeiten für Tauben. Sehr beliebt sind Tauben an Hochzeiten. «Die weissen Tauben werden aber für ihre Farbe gezüchtet und nicht wegen ihrer Flugleistung », erklärt Flühmann. Deshalb haben weisse Tauben auch weniger Fluchtinstinkt, wenn Raubvögel auftauchen. «Um dieses Problem zu lösen, haben wir wieder einige blaue Tauben eingezüchtet», erklären Mäggy und Walter Grüter, Taubenzüchter aus Sigigen. Auch sie haben früher Brieftaubensport betrieben, sich jedoch später auf Hochzeiten spezialisiert. «Die Taubenzucht ist ein sehr intensives Hobby», erklärt Mäggy Grüter. Umden Bewegungsdrängen der Tauben gerecht zu werden, packt sie im Frühling jeden Abend ihre Tauben ein, fährt sie zu einem Startpunkt und lässt sie zu Trainingszwecken fliegen.

Während der Hochzeits-Saison können die Tauben ihre benötigten Flugstrecken gerade bei einem Auftrag absolvieren. «Wir gehen an Anlässe in der ganzen Innerschweiz », erzählt die Taubenzüchterin. Da bei den Grüters die ganze Familie mithilft, können mehrere Hochzeiten an einem Tag besucht werden. «Es ist sehr schön zu sehen, wie viel Freude die Menschen an den Hochzeitstauben haben», sagt Grüter, welche die Tauben mit viel Liebe und Hingabe züchtet.

MICHELLE HÄFLIGER